Demokratische Rechte

Tradition und Moderne

Eine kurze Analyse der Leistungsfähigkeit multikultureller Gesellschaften

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Die Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft korreliert in einem negativen Zusammenhang mit dem Grad ihrer kulturellen Pluralisierung. Dies soll im Folgenden in aller Kürze in drei analytischen Schritten logisch abgeleitet werden.

I.

Kultur soll hier diejenigen Zustände, Prozesse, Institutionen, Konventionen und Normen bezeichnen, welche im Zusammenleben von Menschen im Kollektiv sichtbar und wirksam werden. Gemeint sind also unter anderen Sprache, Sitten, Werte, Normen, Mentalität, Traditionen, Bräuche.

Grundlegendes Kennzeichen all dieser Gegenstände ist die Herstellung von Erwartbarkeit sozialen Handelns. Dies hat zur Folge, dass Transaktionskosten im gesellschaftlichen Zusammenleben minimiert werden. Anschaulich gesagt bedeutet dies, dass in einer Handlungssituation der Einzelne nicht vor einer komplett neuen Aufgabe steht, Informationen sitautionsspezifisch verarbeiten und Folgen abschätzen muss, sondern dass etwa Konventionen, von denen der Handelnde ausgehen kann, dass sie auch die anderen Personen in der Handlungssituation kennen und befolgen, Unsicherheit und Kontingenz abbauen.

So schaffen beispielsweise sprachliche Konventionen und gemeinsam geteilte Vorstellungen von bestimmten Interaktionssituationen die Erwartungssicherheit, dass eine Person, die mit einem Stadtplan in der Hand sich auf der Straße einer anderen Person nähert, davon ausgehen kann, dass diese die Situation richtig deutet (und eine Frage nach dem Weg erwartet und keinen Überfall), und dass die Frage nach dem Weg zum Rathaus inhaltlich verstanden und beantwortet werden kann. Kalendarische Konventionen verbunden mit Sittenvorstellungen bewirken, dass auf die Einladung „Geschäftsessen um 9“ alle Personen ähnlich gekleidet zum gleichen Zeitpunkt erscheinen. In beiden Fällen muss nicht situationsspezifisch ausgehandelt werden, welche Verkehrs- (oder Gebärden-) sprache verwendet wird, nach welchen kalendarischen Systemen Zeitpunkte bestimmt oder nach welchen Normen und Konventionen welche Körperbekleidung ausgewählt werden sollen. Diese Senkung von Transaktionskosten ist die Funktion solcher Kulturphänomene und es lässt sich festhalten:

Ergebnis 1: Kultur senkt Transaktionskosten im menschlichen Zusammenleben.

II.

Dadurch, dass soziales Handeln erwartbar ist, wird überhaupt erst Vertrauen geschaffen. Kultur schafft also eine vertrauensvolle Atmosphäre, denn jede Person innerhalb dieser Kultur weiß, dass den handlungsleitenden Konventionen und Normen, denen sie bewusst oder unbewusst folgt, auch die jeweils andere Person in einer Situation folgt. Andernfalls müsste die Person in jeder Situation versuchen zu antizipieren, wie sich die jeweils andere verhalten wird, was soziales Handeln erschwert und verkompliziert und Vertrauen abbaut.

Unter einer leistungsfähigen Gesellschaft soll hier nun genau dies verstanden werden, nämlich eine Gesellschaft, in welcher in einer vertrauensvollen Atmosphäre soziales Handeln stattfindet, welches sich aufgrund geteilter kultureller Vorstellungen einer breiten Legitimität erfreut. Auch wirtschaftliche Produktion und Handel wird dadurch erleichtert.

Ergebnis 2: Je niedriger die Transaktionskosten sozialen Handelns in einer Gesellschaft sind, desto vertrauensvoller und leistungsfähiger ist diese.

III.

Eine multikulturelle Gesellschaft ist eine, in der mehrere Kulturen koexistieren, aber keine dominant ist (Es gibt keine „Leitkultur“, um den vielfach zitierten Begriff Bassam Tibis zu gebrauchen). Dies hat definitionsgemäß zur Folge, dass die Erwartbarkeit sozialen Handelns niedriger ist, die Sicherheit, dass Mitmenschen in Handlungssituationen die antizipierten Entscheidungen treffen, gering, und damit auch das allgemeine Vertrauensgefühl klein. Dies sind keine Vermutungen, sondern analytische Schlüsse. Einleuchtenderweise werden damit die Transaktionskosten steigen, da die Unterschiede in Sprache, Mentalität, Sitten, Werten und anderen Vorstellungen in jeder Situation dazu zwingen, zu interpretieren, zu antizipieren, und die Interaktion in einer beiden Kultursystemen bekömmlichen Weise zu gestalten. Der Franzose, der von einem Inder gefragt wird, ob dieser die Uhrzeit wüsste, kann zur Verneinung nicht einfach den Kopf schütteln, da dieser das als Bejahung interpretieren würde. Die Abwesenheit einer dominanten Kultur würde das Außerkraftsetzen jeglicher allgemeinverbindlicher Symbolik bedeuten, also weder deutsche Straßenschilder noch Rechtsverkehr, denn nur so können gleichberechtigte Kulturen in jeder Situation mittels eines herrschaftsfreien Dialogs einen Kompromiss aushandeln. Ob nun diese Gleichberechtigung oder eher die Leistungsfähigkeit von einer Gesellschaft bevorzugt werden, lässt sich hieraus nicht ableiten, die wertfreie Folgerung lautet also lediglich:

Ergebnis 3: Multikulturelle Gesellschaften erhöhen die Transaktionskosten sozialen Handelns.

Festhalten lässt sich also: Je kulturhomogener eine Gesellschaft ist, desto weniger Energie muss in sozialen Handlungssituationen aufgewendet werden, daher werden Interaktionen hier für alle erwartbarer und daher entsteht eine vertrauenswürdigere Atmosphäre, in der Devianz, also normabweichendes Verhalten, per definitionem kleiner ist als in einer kulturheterogeneren Gesellschaft. Ob Kulturhomogenität politisch gewünscht ist, kann daraus freilich nicht abgeleitet werden. Zwischen Gleichberechtigung aller möglichen kulturellen Vorstellungen und Leistungsfähigkeit besteht also ein gesellschaftlicher Zielkonflikt. Zugunsten intrakultureller Vielfalt kann natürlich auf Vertrauen und Leistungsfähigkeit verzichtet werden.

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Written by anzg23

06.03.08 um 22:11:33

Veröffentlicht in Gesellschaft

Eine Antwort

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  1. Eine sehr gute Analyse, die zeigt, daß eine Gesellschaft nur einen begrenzten Zuzug kulturfremder Einwanderer verkraften und finanzieren kann. Hoffen wir mal, daß sich diese Erkenntis auch beim „deutschen Michel“ endlich durchsetzt.

    haihunter

    11.03.08 at 17:01:16


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